Coaching

Öffentliches Sprechen und Auftreten für Nicht-Schauspieler

The curious paradox is, when I accept myself just as I am, then I can change.
Carl Rogers

I.
Stellen wir uns vor, da hätte eine oder einer von uns im Leben wirklich etwas erreicht. Sie oder er hätte mit lebendigem Interesse an Welt und Menschen die Schule besucht, ihr oder sein zentrales Interesse an Welt und Leben gefunden und eine inspirierte Jugend mit einem guten Schulabschluss gekrönt. Sie oder er hätten begeistert Handwerk oder Beruf gemeistert, eine faszinierende Wissenschaft im Studium vertieft oder die komplizierte soziale, wirtschaftliche oder organisatorische Struktur eines Unternehmens so souverän erfasst, dass sie nun einen Beruf mit Liebe und Faszination ausüben könnten, den es in dieser, ihrer, speziellen Form vielleicht nur einmal gibt, ganz und gar ihren eigenen Beruf.

Schön, sich das vorzustellen. Aber selbst wenn wir das Glück hätten, sogar unsere eigene Biographie so lesen zu dürfen – wo viel Licht ist, ist viel Schatten und wir wissen nur zu gut, was hinter der schönen Fassade schmerzhaft hinderte, verunsicherte und quälte.
Eines der einfachsten Szenarien ist vielleicht jedem von uns bekannt: irgendwann ist zwischen unserem Selbstbild und dem Bild unseres Auftretens vor anderen Menschen ein Riß entstanden, der sich unmerklich vertieft hat. Wir haben begonnen an unserem Bild in der Öffentlichkeit zu zweifeln. Wir sehen in den Spiegel und gefallen uns nicht. Wir suchen den Fehler. Richten sich mehr als vier Augenpaare auf uns, empfinden wir uns als hässlich und ungeschickt. Wir glauben, vorteilhaft sitzen, stehen, schauen und uns bewegen zu müssen, um unsere eingebildeten Schwächen zu kompensieren.
Sollen wir nun aber gar in der Öffentlichkeit sprechen müssen, dann ist es um uns geschehen. Wir erröten und stottern, wir korrigieren uns selbst und stolpern über die eigenen Sätze, kurz, unser Auftritt gerät zu einem Spießrutenlauf. Wohl jeder, dem es so ging, kennt die ohnmächtige Wut beim Anblick eines eloquenten Halbintelligenzlers, der, für Selbstzweifel vielleicht einfach zu dumm, sein Publikum so zu amüsieren und verführen weiß, dass ihm der größte Unsinn begeistert geglaubt wird. Von exakt demselben Publikum übrigens, das fundierte Kenntnis, entwickelte Gedanken und komplizierte Sachverhalte mit Stühlerücken, Husten und Gähnen quittiert.

Schließlich hat man vor diesen Situationen Angst. Man liegt schlaflos im Bett und rekapituliert sein Scheitern. Man übt vor dem Spiegel. Man erwägt eine Therapie. Sich vorbereitend, mißbraucht man seine Familie als Publikum und brüllt am Schluß die verängstigten Kinder an. Und zum Schluss besucht man Workshops, in denen man Tonfälle, Stimmsitz und Haltungsspiel vor der Videokamera übt, sich der grausamen Kritik von Dozent und Mitschülern aussetzt, alles einsieht, alles bejaht und doch nicht das Geringste ändern kann.

So etwas kann nicht funktionieren.
Gelassenes und lustvolles Auftreten in der Öffentlichkeit oder lebendiges und überzeugendes Sprechen werden nur zu einem geringen Teil durch das Training äußerer oder technischer Mittel erreicht. Natürlich braucht man auch Techniken um einen einmal erreichten persönlichen Ansatz abzusichern und zu verfeinern. Aber als Grundlage einer Bemühung um diese Fähigkeiten führen sie lediglich zu Verstellung, Selbstdressur und isolierter Selbstspiegelung ohne jede Überzeugungskraft.

Außerdem gibt es kein allgemeines Richtig oder Falsch in der Entwicklung dieser Fähigkeiten. Es gibt so viele allein selig machende Wege zum fröhlichen Ziel, wie es Sprecher gibt. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und braucht einen geschützten Raum dafür. Was also ist zu tun, wenn einem jeder öffentliche Auftritt und jedes Sprechen – müssen vor Publikum schon Tage vorher Angst macht?

Das Ziel meiner Arbeit ist die Entdeckung und Entwicklung der ureigensten Talente und Qualitäten der jeweiligen Persönlichkeit. Wir entwickeln in Gespräch und Übung einen neuen Begriff von dem Ereignis, das zwischen dem Sprecher und seinem Publikum stattfindet. Bevor wir sprechen, trainieren wir die Wahrnehmung. Über das Gewahrsein des eigenen Körpers, des Raums und der aktuellen Situation finden wir die Sicherheit in uns selbst und das selbstverständliche Einssein mit der Grundsituation des öffentlichen Sprechens wieder.

Der Übende begibt sich auf eine Reise durch das eigene Leben. Er erfährt und erkennt die Kompensationen, Verstellungen und Fehlhaltungen, die ihm bisher jeden öffentlichen Auftritt zur Qual gemacht haben. Er erlebt aber auch, wie lebensrettend notwendig gerade diese Fehlhaltungen einst, in Kindheit und Jugend, für ihn waren. Er erfährt wie überlebt sie sind und kann sie unter Umständen schon nach kurzer Zeit in Dankbarkeit loslassen, um sich sich selbst, dem freien Fluss seiner Intuition und dem klaren Ziel seiner Aufgabe in Raum, Zeit und Gesellschaft intuitiv und spontan hinzugeben. (Siehe „Reden! Reden halten!“)

II.
Hier einige Andeutungen in loser Folge mit welchen Themen und Erfahrungsfeldern wir trainieren werden. Vielleicht kann der ein oder andere Gesichtspunkt bereits Ihr Interesse wecken.

Die Grenzen unserer Person sind nicht zwingend mit den Grenzen unseres Körpers identisch. Wir erlernen die Fähigkeit, neben unserm physischen Körper ebenfalls den Körper unseres konkreten Gewahrseins sinnvoll einzusetzen.

Geführt vom Atem üben wir, die spontanen Signale unseres Körpers jetzt und hier zu spüren und sie weder negativ noch positiv zu werten. Jedes Signal des Körpers schätzen wir wert und nutzen es intuitiv und ad hoc für unseren Auftritt.

Wir entdecken die uns unbewussten Absichten und Entscheidungen, mit denen wir uns oftmals selbst sabotieren und lernen sie zu vermeiden und umzuleiten.

Unabhängig von Sinn und Inhaltsvermittlung durch Sprache kommen dem Klang unserer Stimme im Raum weitere entscheidende Funktionen zu. Wir lernen durch den Klang und die Raumresonanz unserer eigenen Stimme einen Raum quasi zu unserem Revier und Teil unserer Innenwelt zu machen, in dem wir als Hausherr das Publikum auf die ihm zukommende Rolle des Gastes verweisen können.

Nur das, was ich sprechend neu und originell vor dem Publikum erfinde, entwickle und erlebe, wird sich über eine bloße intellektuelle Rezeption hinaus überzeugend vermitteln können. Wir emanzipieren uns von falschen Konzepten von Vorbereitung und Sicherheit. Geführt von Heinrich von Kleist Text Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden entwickeln wir Wege, auf denen wir den uns bekannten Sinn unserer Mitteilung im Moment des Sprechens neu erleben, erfinden und mitreißend mitteilen lernen.

Techniken des kreativen Erlebens und Erfindens in Gedichten der Weltliteratur.

Die Satzzeichen – Brückenglieder und Trittsteine kreativer Sprachfindung im Moment.

Befreiung von logischem und verbalen Sprachsinn / Arbeit mit Fantasiesprache.

In improvisiertem Dialog und szenischen Übungen erforschen wir spontan erlebte Impulse um Aktion und Reaktion. Wir bestimmen unsere Position gegenüber dem Anderen oder dem Publikum und finden einfache szenische Impulse um das zweite Gespräch zu erfahren und erfolgreich zu führen, dass gewissermaßen unter den Worten geführt wird.

Sprach- Stimm- und Atemübungen im konventionellen Sinne sind Teil des gesamten Programms.

Wer ist es, der die Geräusche hört?

Alles bleibt, wie es ist. Wir sind die wir sind und bleiben es auch. Wir befreien, was ist. Gelöst von Selbstdefinitionen und konventionellen Wertungen werden wir nach allen Richtungen spontan handlungsfähig, spielerisch kreativ und meistern jede verbale Herausforderung.

Die Arbeit im Einzelunterricht bietet den ungestörtesten Raum um sich neu zu orientieren und sich selbst grundlegend Neues zu erschließen. Aber auch im Workshop ist sinnvolles Erleben, Arbeiten und das Erlangen neuer Fähigkeiten ohne weiteres möglich.

Abschliessend stelle ich Ihnen Heinrich von Kleist’s Text Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden zum Download bereit. Auf wenigen Seiten ist viel zu entdecken!

Habe ich Ihnen Appetit gemacht? Ich würde mich freuen! Kontaktieren Sie mich jederzeit gerne über das Kontaktformular dieser Website!


Foto: München, 1960